Jamarico Music

Jamarico Music am Helvetiaplatz in Zürich mit grosser und guter CD & Vinyl-Auswahl in allen aktuellen Stilen. Kompetenz und Stil mit verschiedenen Schwerpunkten in Liebhaber-Bereichen (kein Secondhand). Wöchentliche Import-Lieferungen.

Jamarico & Jama Music Helvetiaplatz

Stauffacherstr. 95
8004 Zürich

Tel. 044 241 83 44


Öffnungszeiten

Mo-Fr 11:00 - 19:00

Sa      10:00 - 18:00


Medien, Blogger und Fans über Jamarico Music

Auf der Suche nach dem Soundtrack of Summer

Der Kopf des Bööggs explodierte am Zürcher Sechseläuten bereits nach 7 Minuten 23 Sekunden. Und tatsächlich deutet alles auf einen warmen und langen Sommer hin. Aber was ist dieser ohne den dazugehörigen Sound? Während ich im Winter melancholischen Melodien und anspruchsvollerer Musik gegenüber sehr aufgeschlossener bin, darf es in den warmen Monaten durchaus luftiger sein.

Seit einiger Zeit bringt mein CD-Player jedoch meine Silberlinge zum Hüpfen und ich kann nie sicher sein, ob er ein Lied ohne willkürliches Hin und Her mitten im Song abspielt. Das hat zur Folge, dass ich immer mehr Alben auf mein Handy runterlade, statt in einen Plattenladen zu gehen.

Das ist eigentlich sehr schade, da ich zum Beispiel dank der passionierten Musikliebhaber von Jamarico immer wieder auf Album-Perlen aufmerksam wurde, auf die ich auch durch Pitchfork, Spotify und andere Musikplattformen oder die «Käufer, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch»-Empfehlungen nicht gestossen wäre.

Ich bin also mal wieder die knarrende Holztreppe hoch in den ersten Stock am Helvetiaplatz gestiegen und habe nach aktuellen Sommerplatten fern der Hitparade gefragt. Woody Jakobs, der schon seit rund dreissig Jahren im Jamarico arbeitet, wühlte sich durch die CD-Stapel, die immer auf dem Tresen liegen. Von hier aus wird man beim Hören der CDs mit immer neuen versorgt – auch dann, wenn man nicht danach gefragt hat, passend zum eigenen Musikgeschmack.

Vor mir lagen vier CDs und ich hörte als erstes in die Platte mit dem glückverheissenden Titel «Love Letters» von Metronomy rein. Die Hülle mit rosa Wölkchen versprach frischen, verspielten Sound. Und die ersten zwei Songs schmeichelten mir tatsächlich in den Ohren: ein bisschen Seventies, Bowie, Prince, und auch Grizzly Bear assoziierte ich. Aber je öfter ich auf die Weiter-Taste drückte, desto beliebiger wurde es. Was sich bei dieser CD bereits abzeichnete, bewahrheitete sich auch bei den weiteren Alben: das Metronom tickt zwischen Retro und Gegenwart mit dem Hang, auf der linken Seite beinahe stehen zu bleiben.

So auch bei Pure X. Auf deren Hülle von «Angel» strapaziert den ästhetischen Geschmack ein Herz, das gegen die Spitze am Zerlaufen ist, darin ein mit Airbrush gespritzter Sonnenuntergang. Songtitel wie «White Angel» oder «Fly Away with me Woman» lassen Schlimmstes befürchten.

Die Band meint es jedoch ironisch und die Platte ist gute Hintergrundmusik.

Den Musik-«Heaven» habe ich nicht gefunden, vom «Valley of Tears» verschonten sie mich aber ebenso – wie auch zwei weitere Lieder des Albums.


Einen sprechenden Titel besitzt auch die zweite Platte der Broken Bells: «After the Disco». Beim dritten Song setzt James Mercer zwar zum Bee-Gees-Falsettgesang an, doch richtige Sommerpartystimmung kommt nicht auf. Alles in allem aber eine hübsche Pop-Scheibe.

Überraschend war die Empfehlung von José James’ «While you were sleeping». Denn dieser kommt ursprünglich aus der Jazz-Ecke, und das entspricht nicht dem Spezialgebiet des Plattenladens. Auf James` neuester Veröffentlichung hört man jedoch keinen klassischen Jazz, sondern vielmehr Acid-Jazz-Anleihen; seine Liebe zum Soul und R’n’B ist unüberhörbar, ebenfalls einige rockigere Elemente, angereichert mit etwas Jimmy Hendrix, und poppige Passagen, die von den späteren Tears for Fears stammen könnten. Wer dieses Crossover, das sich in der Platte sehr harmonisch fügt, wunderbare Soulstimmen, vertrackte Beats und transparente Produktionen mag, kommt mit José James ganz auf seine Rechnung.

Mit DER Sommerplatte bin ich leider nicht vom ersten Stock herunter ins bunte Treiben der Langstrasse gegangen. Und ehrlicherweise muss ich erwähnen, dass ich betont nach Easy-Sommer-Sound gefragt habe, und mir Woody gesagt hat, das seien «halt alles etwas oberflächlichere Scheiben».

Bevor ich aber tatsächlich die Kopfhörer im Jamarico ablegte, wollte ich noch eine letzte musikalische Einschätzung. Denn wie die Fussballweltmeisterschaft nun überall das grosse Gesprächsthema ist, so auch Lana del Rey und ihre frisch gepresste CD «Ultraviolence». Doch der Verkäufer winkte ab: «Langweilig, immer das Gleiche.» Ich wollte es trotzdem wissen. Und tatsächlich, beim ersten Durchgang bestätigte sich sein Urteil. Doch beim zweiten Hören schlich sich diese aufregende Langeweile, die diese Musik verströmt, bereits tiefer in die Gehörgänge, und es ist nicht undenkbar, dass die CD mit den lauen, verführerischen Lüftchen, die Lanas Gesang verbreiten, gar nicht so weit weg ist von einer guten Sommerplatte.

Ich wünsche Ihnen einen wunderbaren, sonnigen Sommer. Und sollten Sie DIE Platten-Perle für die warme Jahreszeit gefunden haben, lassen Sie es mich möglichst bald wissen.

 

Von Felix Ghezzi 25. Juni 2014


KARLDERGROSSE.CH


Fred Woods im Jama

Letzten Dienstag gab Fred Woods ein Konzert im kleinen Rahmen im Jamarico im K4. Set und Setting waren recht geil. Fred Woods ist ein (Anti-) Folkmusiker aus Montreal. Sein Debut “Documenta” besteht aus ruhigen, melancholischen Klängen. Einige Plattenverkäufer im Jama halten ihn für den besten SingerSongwriter des letzten Jahres. Und auch ich, wenn auch nicht grad so emo-mässig drauf, finde das Album solid. Die Band besteht aus Fred, Francois und Alexis an der Trommel. Francois spielt ab und zu ne seltsame sechsseitige Ukulele. Tönte toll. Ausserdem machte Fred auf mich einen sehr sympatischen Eindruck.


Wow Zürich was just crazy! Thanks to everyone who showed up! We had an incredible time. Jama Music is a real special place. We’ll definitely come back.

Habt ihr Fragen an Fred?

 

BONZ.CH

Ein Plattenladen trotzt dem Internet-Zeitalter

Der Plattenladen Jamarico hat eine lange Tradition in der Zürcher Musikkultur. Trotz Krisen hält er sich auch 29 Jahre nach seiner Gründung über Wasser.

Die Geschichte des Jamarico reicht zurück in eine Zeit, als Vinylplatten die meistverkauften Tonträger waren und die Stadtbewohner die Nächte nicht im Klub, sondern mangels Alternativen vor dem Plattenspieler in der heimischen Stube verbrachten. Der Kreis 5 wurde seinem Ruf als Arbeiterquartier noch gerecht, und eine Dichte an Tanzschuppen, wie man sie heute im Industriequartier antrifft, war damals undenkbar.

Man schrieb also das Jahr 1980, als die Musikfans Ulrich «Woody» Jakob und Thomas Berth an der Heinrichstrasse beim Steinfels-Areal ihren ersten Plattenladen eröffneten. Der Laden sollte Jamarico heissen, eine Wortschöpfung bestehend aus den Worten Jamaica und Puerto Rico, der Leidenschaft von Tanner und Jakob. Denn daher stammte der Sound, dem die Betreiber damals verfielen und den sie später in ihrem Geschäft anboten: der Reggae. «Wir waren grosse Liebhaber der Musik und konnten im Laden unsere Leidenschaft mit den Kunden teilen», sagt Woody Jakob.

Es folgten diverse Reisen nach London und die Erweiterung des Sortiments um Postpunk, Pop und andere jeweils aktuelle Musikrichtungen. «Wir haben die Zürcher Jugendlichen mit Underground-Musik versorgt, teilweise kommen heute noch Kunden von damals zu uns in den Laden», meint Jakob.

Nur noch ein Standort

Nach einer fünfjährigen Zwischenstation an der Bäckerstrasse zogen die Betreiber 1985 mit ihrem Geschäft ins doppelstöckige Lokal an der Ecke Stauffacherstrasse/Langstrasse, direkt beim Helvetiaplatz, wo sie heute noch sind. Jeder, der schon am Helvetiaplatz stand, kennt die dicken, weissen Lettern auf schwarzem Grund, sie prägen den Platz. Wer in den Laden tritt und durch den Kleiderladen hinauf in den ersten Stock gelangt, dem fallen als Erstes die alten Sticker und Plakate mit ihrem in die Jahre gekommenen Charme auf und die melancholische Gitarrenmusik, eine von Woodys Leidenschaften. Woody Jakob kümmert sich heute ausschliesslich um den Plattenladen, während Thomas Berth für die Kleider unten zuständig ist.


Das Geschäft mit der Mode wurde damals aus einem Zuviel an Platz errichtet und weil Musik und Mode immer auch zusammenhingen, meint Woody. Heute gibt es neben dem Jamarico am Helvetiaplatz auch zwei Modegeschäfte im Niederdorf und eines in Winterthur. Somit ist der Kleider-Jamarico um einiges grösser als die Musikabteilung. Diese ist nach der Schliessung der beiden Filialen im Niederdorf nur noch am Helvetiaplatz zu Hause.

«Zu wenig rentabel», meint Woody. Der Grund dafür liegt auf er Hand. Das Internet und das Geschäft mit den Downloads haben die Musikwelt umgekrempelt.

Den Austausch fördern

Auch ein Laden mit einer Stammkundschaft und einem guten Ruf, was Jamarico beides besitzt, bleibt davon nicht verschont. «Kundschaft unter 20 Jahren haben wir heute keine mehr», stellt Woody Jakob fest. Die Zeiten, als man an den schulfreien Mittwochnachmittagen noch mit seinen Freunden in den Plattenladen pilgerte, um neue Musik zu entdecken, scheinen definitiv vorbei. Für musikalische Entdeckungen ist das Internet viel bequemer. Und noch etwas hat sich geändert: Heute kämen nur noch selten Leute von ausserhalb der Stadt in den Laden, sagt Jakob.

Denjenigen, die immer noch Plattenläden aufsuchen, wird im Jamarico etwas geboten: Jeden Dienstagabend finden sich nach Ladenschluss Musikliebhaber aus der ganzen Stadt an der Ladentheke ein und fachsimpeln über Neuerscheinungen und Raritäten aus der Welt der Popmusik. Zur Musik aus der Stereoanlage gibt es etwas zu knabbern, Bier und einen unvergleichlichen Blick auf das Treiben am Helvetiaplatz. «Wir konzentrieren uns heute mehr darauf, den Leuten das zu bieten, was sie im Internet nicht finden», so Woody. Dazu gehört eben ein persönlicher Kontakt und auch vermehrt persönliche Beratung.

Vorbei sind auch die Zeiten, als Plattenladen-Verkäufer als elitäre Zeitgenossen galten, die jeden «Geschmacksverirrten» mit Ignoranz bestrafen. Mehr als 60 Prozent aller Verkäufe im Laden seien heute Empfehlungen von den Verkäufern, die sie aus dem Kontakt mit den Kunden herausfilterten, versichert Woody Jakob. «Wir sind viel stärker gefordert, die Arbeit ist anstrengender geworden», sagt etwa Rolf Isler, einer von Jakobs Angestellten. Dafür kämen heute auch mehr Frauen in den Laden. Dies sei auf die neue Stimmung und «die attraktiven Verkäufer» zurückführten, sagen der Chef und sein Angestellter lachend. Jamarico. Stauffacherstrasse 95, 8004 Zürich. Telefon 044 241 83 44. Sommeröffnungszeiten Plattenladen: Mo bis Do 15-19 Uhr, Fr 10-19 Uhr, Sa 10-17 Uhr. Kleiderladen normal geöffnet.

Seit drei Jahrzehnten ein sicherer Wert für Zürcher Musikliebhaber: Woody Jakob in seinem Geschäft am Helvetiaplatz. (Tages-Anzeiger)

 

TAGES ANZEIGER.CH


Nicht reich, aber glücklich

Nirgends in der Schweiz ist die Dichte an Schallplattenläden grösser als im Zürcher Kreis 4. Dabei kämpfen die Händler ums Überleben – und machen trotzdem weiter. Wieso nur?


Mit dem Verkauf von Raritäten macht Zero Zero einen Grossteil seines Umsatzes. «In dieser Branche brauchte man immer schon nicht nur ein riesiges Allgemeinwissen über Musik, sondern auch ein Gespür für Trends», sagt Hansjörg Kurer. «Heute lebe ich praktisch nur noch davon, dass ich einen Klassiker frühzeitig erkennen konnte.» Kurer glaubte beispielsweise an die Kraft des ersten Pearl-Jam-Albums «Ten» und die damit verbundene Grunge-Welle. Als das Werk am 27. August 1991 auf den Markt kam, hamsterte er unzählige Einheiten der Vinylausgabe des Titels. Einen Monat später erschien «Nevermind» von Nirvana und machte die halbe Welt zu Grunge-Fans. « ‹Ten› verkaufe ich nach wie vor gut», meint Kurer.

Nochmals 20 Stück

Für ihn, der viele Platten aus dem Rock- und Indie-Bereich anbietet, sind heute die Vinylalben aus den Neunzigern sehr wichtig. Denn damals hatte die CD ihre Blütezeit, die Labels pressten jeweils nur eine minimale Anzahl Vinyl für eingefleischte Fans, wenn überhaupt. Kurer: «Fast jeder Rockfan hat heute noch Schallplatten aus den Siebziger- und Achtzigerjahren im Keller liegen, spätere Jahrgänge findet man hingegen selten.» Heute haben die grossen Plattenfirmen wie Universal Music oder EMI die Lücke geschlossen und pressen auch im Rock- und Pop-Bereich wieder vermehrt Vinyl (Techno und Hip-Hop etwa waren stets Vinyl-affine Genres).

Der Trick bleibt für Kurer derselbe: «Bands wie The Kills, The Strokes oder Kings of Leon verkaufe ich sehr gut. Da versuche ich natürlich nochmals 20 Stück zu bestellen, die dann ein oder zwei Jahre im Lager verschwinden und beim nächsten Album der Band an Wert zugelegt haben.» Das gelingt nicht immer. «Auch von bekannten Acts werden heute weltweit nur noch ein paar Hundert Vinylplatten gepresst.» Viele Indie-Labels liefern zudem mit den Schallplatten auch einen Gratis-Download-Code, mit dem man sich die Musik zu Hause auch auf den iPod laden kann. So ist man nicht an den Plattenspieler gebunden, wenn man eine Platte kauft. Ein kluger Trick der Independent-Labels: Man hat den ästhetischen Mehrwert und kann die Musik trotzdem flexibel nutzen. Auch Nachpressungen von Klassikern laufen wieder. «Jede Woche verkaufe ich bestimmt eine Platte von Bob Marley, als Occasion oder als Neupressung», sagt Kurer.

Mit seiner leicht kauzigen Art, seinem kleinen Bierbauch und den glänzenden Augen, mit denen er manchmal Platten mustert, die er eben an die Wand gehängt hat, könnte Kurer auch ein Kunde sein. Erst wenn er etwas gefragt wird, wenn er zielstrebig nach einer Platte greift, die irgendwo zwischen hundert anderen liegt, merkt man, dass hier der Chef vor einem steht – einer der letzten «Vinyl-Pharaonen», wie ihn seine Kunden auch schon genannt haben. Er kennt selbst jedes Staubkorn in seinem Laden mit Namen. Was in besonders freut: Dass vermehrt wieder jüngere Musikfans an Schallplatten interessiert sind. Auch Veit Stauffer vom Rec Rec an der Rotwandstrasse 64 macht dieselbe Erfahrung. Junge Leute würden vermehrt wieder Vinyl kaufen, um «gegen die gesichtslosen Downloads zu rebellieren», sagt er.

Die Miete bezahlt freilich kein Händler mit dem Verkauf von Vinyl allein. Genaue Zahlen möchte keiner nennen, Insider gehen aber davon aus, dass ein Laden von einer begehrten Schallplatte vielleicht 20 Stück im Monat verkauft. Kein Wunder, mussten in den letzten Jahren etliche Läden schliessen, so der Rock On beim Kreuzplatz oder Sonic an der Anwandstrasse. Wer heute noch existiert, hat sich in einer Nische platziert oder setzt auf Diversifikation.

Online-Verkauf als zweites Standbein

Oliver Fitze und Michel Jaques von Hum Records und Patrik Bernet von Tapioka Records, die sich an der Ankerstrasse ein Ladenlokal teilen, haben etwa gemeinsam einen kleinen Onlinestore eingerichtet. Dieser bringe «einen netten Zustupf zum Ladenverkauf» ein, wie Fitze sagt. Auf der Hum-Website gibt es eine kleine Best-of-Liste der aktuellen Verkäufe, mit der man sich mit zwei Mausklicks über die momentan beliebtesten Acts schlaumachen kann. Das Hauptgeschäft sei dennoch klar der Verkauf «von Hand zu Hand über die Ladentheke».

Veit Stauffer bietet seinen Postversand von Tonträgern bereits seit 1981 an und ist somit der älteste Versandhandel von Schallplatten in der Schweiz. 25 Prozent seines Umsatzes generiert der Rec Rec momentan mit dem Versand von Musik. Gleichwohl ist dieser Laden wie die meisten ein Ein-Mann-Betrieb.

Auf Vinyl zurückgreifen

Auch Georges Tanner, der seinen Laden am Letzigraben 47 hat, ist auf sich alleine gestellt. Er könne sich «einigermassen» über Wasser halten, weil er sich spezialisiert habe. Er ist vor allem bekannt für seine riesige Sammlung an Blues und Jazz. «Durch das viele Sparen und Zusammenstreichen des Repertoires in der Musikindustrie findet man nicht jeden alten Act auf einer CD», sagt Tanner. «Wenn man dessen Musik trotzdem geniessen will, muss man auf Vinyl zurückgreifen.» Darum kommen auch immer wieder Bluesfans von weit her zu mir und stöbern durch die Regale», sagt Tanner. «Das ist natürlich ein gutes Gefühl, wenn man der einzige Händler weit und breit ist, der eine bestimmte Platte hat.» Es sei für ihn daher vor allem ideell wertvoll und nicht finanziell attraktiv, was er mache.

Wer kauft eigentlich noch CDs?

16 Tons an der Anwandstrasse verkauft nicht nur Schallplatten überwiegend aus den Sechziger- und Siebzigerjahren, sondern auch die entsprechenden Kleider dazu. Und manchmal sogar passende Möbelstücke. Die Rechnung geht für Inhaber Buzz Maeschi auf: «Mich nimmt wunder, wer heute noch CDs kauft. Aber Schallplatten waren stets beliebt und sind es heute immer noch. Mit dem Konzept, das ich gefunden habe, komme ich über die Runden.» Und er hat sich einen Namen geschaffen: So besucht ihn etwa der Schlagzeuger der Hip-Hop-Formation The Roots, Ahmir Thopmson, jedes Mal, wenn die Band in Zürich ein Konzert gibt.

Maeschi wechselt immer wieder seine Schaufensterauslage, stellt immer wieder andere Schallplatten aus. Wenn man am 16 Tons vorbei spaziert, bleibt man gerne stehen, schaut, was «der Buzz da wieder Neues ausgegraben hat». Und man spürt durch die Fensterscheibe hindurch ein Knistern und auch einen Hauch von Nostalgie.

«Frauen suchen schneller das Gespräch»

Raritäten sammeln, in Kisten mit alten Platten stöbern, das tönt eher nach einem Männerphänomen. Stimmt das Klischee? Nicht bei Rec Rec. Da ist das Verhältnis laut Veit Stauffer ausgeglichen. «Ich habe mich immer für Frauenmusik in meinem Sortiment eingesetzt», sagt er. Das heisst, für Bands mit einer weiblichen Frontstimme oder Solokünstlerinnen wie Björk oder Joan as a Police Woman.

 


«Frauen kaufen öfter Musik, die von Frauen gesungen wird», weiss Stauffer. Woody Jakob im Jamarico hat die Erfahrung gemacht, dass Frauen sich vorher weniger im Internet über aktuelle Trends informieren. «Sie suchen schneller das Gespräch mit dem Verkäufer.»


Die untergehende Sonne taucht den Helvetiaplatz in ein goldenes Licht. Ein Mann schaut gedankenverloren hinunter auf die Langstrasse, nippt an einem Bier und klopft mit dem rechten Fuss den Takt zum Lied. «Wer ist das, Woody?» Die Frage gilt der Musik, die aus den Boxen tönt.

Jeden Dienstagabend kommen Musikfans im Jamarico zusammen, trinken Bier aus Dosen, knabbern Kleinigkeiten – und hören zusammen Musik. Zum Beispiel «Nine Types of Light», das neue Album der Indie-Band TV on the Radio aus New York. Oder die aktuellen Songs der kanadischen Folkband Timber Timbre. «Wir sind immer noch ein Plattenladen und keine Bar», sagt Woody Jakob, der mit seinem Jamarico seit 25 Jahren am Helvetiaplatz Platten verkauft. «Über die Jahre hat es sich ergeben, dass sich dienstagabends einige Musikfreaks hier einfinden und über das gemeinsame Hobby plaudern.»

Gerne unter sich

Irgendwann hat Jakob damit angefangen, die Gelegenheit auch als Abendverkauf zu nutzen. «Man stöbert durch die Plattenregale, tauscht Tipps aus und diskutiert über Gott und die Welt», sagt Jakob. Auch für Gespräche über Alltagsprobleme ist Platz; nicht selten inspiriert von der Musik, die gerade im Hintergrund läuft. Und manchmal trägt man weit nach Mitternacht einen kleinen Schwips und eine Tüte voller neuer Schallplatten nach Hause. Plattensammler sind gerne unter sich. «Der Umtrunk im Jamarico ist nicht öffentlich, ich lade die Leute ein», sagt Jakob. Trotzdem ist es nicht allzu schwer, in den Kreis aufgenommen zu werden. Jakob: «Wer in ein Plattengeschäft geht, um sich über seine Lieblingsmusik zu unterhalten, der findet das Gespräch auch.» Bindungen zwischen Käufer und Verkäufer enden nicht selten in einer Freundschaft.

Verkäufe um 50 Prozent gesunken

Der Jamarico verkauft CDs und Vinylplatten, doch das Geschäft läuft harzig. «Wie die komplette Musikbranche leidet, so leiden natürlich auch wir auf Vinyl spezialisierten Händler, weil insgesamt weniger Tonträger verkauft werden», sagt Jakob. Selbst die Downloadverkäufe stagnieren mittlerweile. Gemäss dem Schweizer Dachverband der Ton- und Tonbildträgerhersteller (IFPI) sind die Verkäufe seit dem Jahr 2000 gesamthaft um 50 Prozent gesunken. In den Neunzigerjahren noch konnte man mit dem Verkauf von Musik gutes Geld verdienen. Doch die Goldgräberstimmung ist längst vorbei. «Momentan komme ich gerade noch über die Runden», sagt Jakob, der darauf setzt, dass verschiedene Mitarbeiter an verschiedenen Tagen mit ihrem jeweiligen Fachwissen von Rock über Hip-Hop bis Indie die Kundschaft beraten können. «Wenn die Umsätze aber weiter einbrechen und ich keine Angestellten mehr bezahlen kann, dann höre ich auf.»

Konzert im Plattenladen

Man brauche schon viel Optimismus und eine starke Liebe zur Musik, um nicht aufzugeben. Weil er «den Plausch an der Musik und an den Leuten» hat, wie er sagt, organisiert Jakob in regelmässigen Abständen auch Konzerte lokaler Bands in seinem Laden. Kürzlich etwa spielten an einem späten Samstagnachmittag vor stattlicher Kulisse die Folk-Blueser One of the Kind. Seit über dreissig Jahren verkauft Woody Jakob Tonträger; ein Leben ohne seinen Jamarico kann er sich kaum vorstellen, wie er sagt. Jakob spricht leise, manchmal so leise, dass sich seine Stimme mit der Hintergrundmusik in seinem Laden vermischt. Wäre er nicht schon immer ein Mann der leisen Töne gewesen, so glaubte man aus dem gedämpften Tonfall eine gewisse Müdigkeit herauszuhören. Doch wenn man Jakob beobachtet, wirkt er keineswegs müde. Er geht zwischen den Plattenregalen im Jamarico auf und ab, unterhält sich mit Kunden, gibt Tipps und Empfehlungen ab.

Manchmal kommen auch Menschen in den Laden, die Jakob schon seit dreissig Jahren kennt, deren Besuche aber immer seltener werden – «er hat jetzt eben Familie», sagt er dann. Und wie er das sagt; die Zeile, die gerade aus den Boxen tönt, passt da perfekt: Hier steht einer, der «seine Wunden mit Stolz trägt», wie es im Song der Yeasayers heisst.Doch es gibt auch Lichtblicke zu vermelden. «Der Schallplattenanteil der Verkäufe im Jamarico lag in den Neunzigern um 14 Prozent, heute machen wir mit Vinyl rund die Hälfte des Umsatzes», sagt Jakob. Auch deswegen, weil die Musikindustrie im Kampf gegen die illegalen Downloads wieder vermehrt die gute alte Schallplatte entdeckt hat und neue Alben wieder häufiger auch in dieser Form erhältlich sind.

MusikIndustrie hat Vinyl wiederentdeckt

«Zum 60. Geburtstag der Schallplatte vor drei Jahren haben zum Beispiel ein paar grosse Plattenfirmen wie Universal Music die Serie ‹Back to Black› ins Leben gerufen», sagt Marion Leiser, die im Jahr 2003 den Crazy Beat an der Badenerstrasse 74 übernommen hat. Seither würden auch viele andere Labels immer mehr Musik von alten Bands oder Musikern auf Vinyl neu veröffentlichen. Leiser: «Die Plattenindustrie hat viele Fehler gemacht in den letzten Jahren, die Entscheidung, die Schallplatte wieder zu fördern, war aber definitiv eine richtige.»

Marion Leiser hat die Boomjahre der Industrie nie als Inhaberin erlebt: «Als ich den Laden übernahm, war die Krise bereits da, auch wenn sie sich erst hinter den Kulissen zeigte.» Für sie stand also von Beginn an die Liebe zur Musik im Vordergrund und nicht der Profit. «Mir war schnell klar, dass ich als Plattenverkäuferin nicht reich werde, aber glücklich sein kann», sagt Leiser und muss selber schmunzeln über das abgedroschene Klischee, das sich in ihrem Satz versteckt. «Ich komme ganz knapp über die Runden.» Trotzdem mache ihr die Arbeit Spass, vor allem der Kontakt mit den Musikfans bedeute ihr viel. Leiser ist eine hingebungsvolle Plattenverkäuferin. Dazu verfügt sie über die Gabe, Musik, die ihr gefällt, mit Leidenschaft und Charme zu bewerben. «Im Zeitalter von Facebook und Interneteinkäufen sitzt man allzu oft alleine zu Hause vor dem Computer», sagt Leiser. «Im Plattenladen schaut man sich in die Augen, wenn man miteinander redet.» Dabei spricht sie nicht von Nerds, die in einer vergangenen Zeit hängen geblieben sind oder mit der modernen Technik um MP3 und File Sharing nicht zurechtkommen. Denn wie im Jamarico trifft man auch im Crazy Beat die unterschiedlichsten Leute, «Sammler, die sich für spezielle Genres interessieren. Ebenso Musikfans, die aktuelle Sachen kaufen», sagt Marion Leiser. Leute hingegen, die sich hauptsächlich an der Musik aus der Hitparade orientieren, seien bei ihr nur selten anzutreffen. «Die laden die Musik runter oder kaufen sich das aktuelle Rihanna-Album zu Spottpreisen im Media-Markt.» Schallplattenfans seien Menschen, die sich mit der Musik, die sie erwerben, auseinandersetzen wollen und nicht selten selber Musik machen.

 

Früh auf Pearl Jam gesetzt

Das sagt auch Hansjörg Kurer, der Geschäftsführer des Zero Zero hinter dem Volkshaus. Ihn besuchen häufig Musiker, die im Volkshaus auftreten. Sie kaufen Sachen, die sie in Amerika oder England nicht bekommen oder nur mit einem anderen Cover oder einer anderen Titelreihenfolge. Kürzlich waren etwa die Thrash-Metaller Megadeth im Zero Zero.«Natürlich kommen dann auch die Fans der jeweiligen Bands in den Laden, kaufen eine Schallplatte und lassen sie von den Künstlern nach dem Konzert unterschreiben», sagt Kurer. Das passt zu Kurer, der seine Liebe zum Vinylverkauf damit erklärt, dass er ein grosser Fan von klassischem Rock sei. «Das ist einfach meine Musik. Ich diskutiere gerne darüber und freue mich, wenn ich Kunden Raritäten oder Geheimtipps gegeben kann.»


 

ZÜRITIPP.CH