Jamarico History

1979 - 1980 Auf zu neuen Ufern

Um diese Zeit waren die Jama-Gründer Victor, Thomas, Woody und Peppino angetan von der damaligen aufregenden Musik-
szene, wie auch von bislang ungehörter Musik eher exotischer Herkunft - vor allem vom sich in musikalischer Blütezeit
befindlichen Reggae. Die Parties mit viel Musik und die langen Nächte mit ausgiebigem Sich-der-Musik-Hingeben reichte mit
der Zeit nicht mehr – wir wollten unsere Lieblingsmusik auch unter die Leute bringen, denn diese war damals nicht der-
massen flächendeckend verteilt wie heute und zumTeil sehr schwierig aufzutreiben.
Nach Anfängen als kleiner Spezialvertrieb für Reggae-Importe - mit Wohnzimmerladen - richteten wir einen ziemlich
originellen, wahrlich "Roots"-gestylten Laden an der Heinrichstrasse beim Escherwyssplatz ein – damals war diese Lage
noch weit davon entfernt als "In-Meile" zu gelten, sondern eher völlig weg vom Geschehen.
Nichts desto trotz – der Laden hatte Stimmung, die Stammkunden mehrten sich, und wir steckten das Erwirtschaftete - den
Lebensunterhalt verdienten wir noch anderweitig – in die Erweiterung des Angebots.

1981 - 1985 Konzertveranstalter im bewegten Zürich

Recht froh waren wir dann doch, als wir bald einmal ein Ladenlokal an der Bäckerstrasse zugesprochen bekamen – der
lotterige Zustand des Raumes an der Heinrichstrasse und die dortige üble Heizsituation konnten einem schon mal die
Stimmung vermiesen.
Im Bäckerstrassen-Lokal entwickelten sich langsam professionelle Strukturen – obschon unserem Laden noch wahrlich
mehr als genug "Underground" und Schrägheit anhaftete.
In diese ziemlich wilden Zeiten fällt unser Engagement als Konzert-Veranstalter. Die Situation bei den kulturellen Veran-
staltungen war ja damals bekanntlicherweise ziemlich öde, und so war unser Bestreben, gleich wie bei den Platten, auch
die fulminanten Live-Acts, die uns bei unseren monatlichen Einkaufstouren in London begeisterten, nach Zürich zu holen.
Es waren dann vorerst zum Teil legendäre Reggae-Konzerte - die mitreissenden Roots-Sound ins Volkshaus brachten
(Burning Spear, Misty in Roots, Culture, Prince Far-I, Linton Kwesi Johnson, The Twinkle Brothers) bald aber auch
Punkiges und Kultiges (Nick Caves expressive, oberheisse, zweite Band The Birthday Party, The Bad Brains, Fad Gadget,
The Residents (als Ko-Produktion, KP), Theatre of Hate (KP), Die Toten Hosen, (anno 1984...) Shriekback,
allesamt waren es Live-Sensationen.

1985 - 1988 Unten Kleider, oben Platten

1985 (nach einer Abschiedsparty, die das zumeist übliche Chaos unserer Festivitäten bei weitem übertraf), erfolgte die
Züglerei aus der mittlerweile dem Abbruch geweihten Liegenschaft an der Bäckerstrasse in die für unseren damaligen
Verhältnisse immensen Räumlichkeiten am Helvetiaplatz.
Auf dass wir den zweistöckigen, mangels Barem eigenhändig renovierten Laden auch mit Angeboten zu füllen vermochten,
beschlossen wir den Einstieg zusätzlich ins Modegeschäft. Es war ja nicht erst seit kurzem so, dass die ständig sich
entwickelnde und verändernde Musikszene einen stilprägenden Einfluss auf die jeweiligen Modestömungen auszuüben
pflegt, sodass der Einkauf von Kleidern, bzw. der Verkauf von Vinyl und Textil (so hiess damals unser Slogan) in den
gleichen Räumen eine sinnvolle Ergänzung bildete, und einen gegenseitigen ideellen Austausch ermöglichte.
Und der Start mit der Boutique liess sich erfolgreich an. 1988 war dann die Eröffnung der "Dorf"-Filiale an der Nieder-
dorfstrasse, auch hier Fashion und Musik auf zwei Stockwerken kombiniert, etwas eng zwar, aber schön mitten im
Passantenstrom gelegen und in Stosszeiten von Anbeginn weg berstend voll.

1988 - 1998 Musikhandel im Umbruch

Es folgte gewissermassen eine Zeit der Konsolidierung. Für die Plattenabteilung war es denn auch die Zeit dafür: Hinter
dem interessanten Image als verrücktem Kult-Laden verbarg sich doch einiges an organisatorischem Chaos. Und es
standen ja auch grössere Umwälzungen an, die es zu bewältigen galt: Die Umstellung auf CD als hauptsächlichen
Tonträger (zum Glück hat sich die damalige Meinung, dass die Vinylplatte verschwinden würde, nicht bewahrheitet), die
Komplizierung der Distributionsverhältnisse, und die sich anbahnende Aufsplitterung der Pop/Rock/Dance-Musik in eine
Unzahl verschiedener Stile. Dies alles erforderte mehr Disziplin, einen grösseren Aufwand im Handling und der Informations
bewältigung, mehr Knowhow und musikalisches Wissen.1996 gabs wesentlich mehr Platz im Niederdorf fürs Kleiderangebot,
mit der grossen Filiale am Hirschenplatz, und ab 1998 konnte auch die Musikabteilung den beengten Platzverhältnissen,
mit unserem Lokalanteil an der Spitalgasse, wie oben erwähnt, ein Ende bereiten.

Bis heute - Fazit und ein Ausblick - was macht den Jama so besonders?

Die Geschichte von Jamarico liest sich wie eine Rückschau auf die letzten Jahrzehnte der Pop & Rockentwicklung. Der
ganze Werdegang wurde mitgelebt, mitgetragen, und fand den Niederschlag in unserem Angebot.
Und diese Geschichte beginnt, könnte man sagen, schon vor der Zeit, mit der Musikbegeisterung der ältesten Jamarico-
Leute in rockigen Urgründen schon Ende der 60er/Anfang 70er, fing dann richtig an mit 70er-Reggae, Punk, Ska, New Wave,
erlebte die ersten Attacken von Trash-, Speed-, & Doom-Metal (der alte Spitalgasseladen war der legendäre Treffpunkt in
dieser Domäne), wir begeisterten uns für harten Gitarrensound australischer und skandinavischer Prägung, (als Ausgleich
zum 80er Pop), wie erlebten die grosse Zeit des Labels SST als Flaggschiff des US-Hardcores, die kurze Blütezeit des
Grunge, die Post-Rock-Experimente, sodann, in den Mittachtzigern das Aufkommen des Rap und die nachfolgende, globale
Verbreitung, dann wie, ebenso Mitte der 80er, House-Musik die Dance-Kultur revolutionierte. Und wir begleiteteten das
rasante Wachstum der elektronischen Musik, vom EBM, New Beat, Acid in den 80ern zum Triumph des Techno Anfangs der
90er bis zur Entfaltung der mannigfachen Stilrichtungen innerhalb der elektronisch erzeugten Musik.
Die musikalische Entwicklung schuf immer wieder sich wandelnde Szenen und Kulturen, in denen die Jamarico-Leute über
all die Jahre hinweg präsent waren, bei den ersten Konzerten in der Roten Fabrik, bei Punk in Abbruchhäusern, New Wave
in Kinosälen, House-Parties in leerstehenden Lagerhallen, beim Nachtleben in der heutigen ausschweifenden Clubszene.
Schon seit jeher stehen Musiker, DJs und Produzenten hinter der Ladentheke im Jamarico, bringen wertvolle Impulse, und
bewirken einen angeregten Ideenaustausch mit der Zürcher Musiker- & Club-szene.

Heute sehen wir uns einer beinahe unübersichtlichen Vielfalt und Breite in der aktuellen Musik gegenübergestellt, und die
Kundschaft unterscheidet sich stark nach musikalischer Neigung und der mehr oder weniger ausgeprägten Zuwendung zur
entsprechenden Subkultur. Auch durchmischen sich die verschiedenen Musikstile ohne Scheu in beliebigen Kombinationen,
wobei immer wieder neue Unter-Spielarten entstehen; in der zeitlichen Linie sind es die Stile von gestern, die zyklisch
wieder in breitem Ausmass aktuell werden, oder die in einer jeweiligen Schar von Eingeschworenen zelebriert werden, sei’s
nun Swing, Rock’n’-Roll, Ska, Psychedelic-, Garagen- oder Progressiv-Rock, 80s Punk, Elektro oder Old School Rap.

In dieser Situation den Ueberblick zu bewahren, sich engagiert mit all den Strömungen auseinanderzusetzen und die weitere
Entwicklung aufmerksam zu verfolgen, einzelne Schwerpunkte zu setzen, sich lohnende, das heisst individuellen Charakter
und echten Ausdruck aufweisende Platten entdecken und darauf hinzuweisen, qualitative Massstäbe zu setzen, ohne elitär
sein zu wollen - dies alles ist Herausforderung und Programm von Jamarico Music.
Getragen und ermöglicht wird dies von einer existentiellen Lust auf gute Musik, die bei jeden Jama-Mitarbeiter, natürlich
mit den verschiedensten individuellen Vorlieben - bewegt.

 

Text: Ulrich Jakob